Die “Löwen von Tsavo” fraßen Menschen – weil sie Zahnweh hatten   19.04.2017

Löwen töten und fressen für gewöhnlich keine Menschen. Dennoch machten zwei Löwen vor knapp 120 Jahren Jagd auf Dutzende Bahnarbeiter. Forscher haben nun 2017 den Grund für das seltsame Verhalten herausgefunden.

 Das Grauen ging um vor knapp 120 Jahren in den Lagern der Gleisarbeiter für die Uganda-Bahn im Südosten des heutigen Kenias: Mehrere Dutzend Menschen wurden dort 1898 binnen weniger Monate von zwei menschenfressenden Löwenmännchen getötet. Die beiden, die übrigens keine Mähne ausgebildet hatten, drangen damals nachts immer wieder in ein Camp von Arbeitern ein. Diese sollten im Auftrag der britischen Krone eine Eisenbahnbrücke über den Tsavo-Fluss bauen.

In neun Monaten fielen, so will es die Legende, 135 Menschen den «Teufeln in Löwengestalt» zum Opfer. Obwohl jede Nacht Wachtposten aufgestellt wurden und die Arbeiter versuchten, ihr Camp mithilfe von üppigen Dornenzäunen «löwensicher» zu machen, töteten die beiden Menschenfresser einen Campbewohner nach dem anderen.

Erst nach zahllosen Fehlversuchen gelang es dem Chef-Ingenieur des Lagers, dem britischen Oberstleutnant John Patterson, die beiden Killerlöwen zur Strecke zu bringen. Am 9. Dezember 1898 erlegte Patterson zunächst einen der Löwen, denen mittlerweile von den Arbeitern übernatürliche Fähigkeiten angedichtet worden waren, und drei Wochen später schaffte er es dann auch noch, den zweiten Löwen zu töten, nach zähem, nächtelangem Kampf. Der Kadaver wies nicht weniger als sechs Schusswunden auf.

Der erste Löwe soll über drei Meter lang und so schwer gewesen sein, dass acht Mann nötig waren,

um ihn ins Lager zu transportieren. Die Felle der Löwen verkaufte Patterson später für die damals beachtliche Summe von 5000 Dollar nach Chicago, wo die ausgestopften Menschenfresser nun eine der Hauptattraktionen des berühmten «Field Museum of Natural History» sind. Sogar Hollywood nahm sich der Geschichte vor einigen Jahren an – im Actionfilm “Der Geist und die Dunkelheit” mit Val Kilmer und Michael Douglas in den Hauptrollen.

28 bis 135 Menschen sollen dem Duo nach unterschiedlichen Quellen wirklich zum Opfer gefallen sein. Doch was trieb die Tiere dazu, sich auf die ungewöhnliche Beute Mensch zu konzentrieren?

US-Forscher sind sich nun, mehr als ein Jahrhundert nach den Vorfällen am Fluss Tsavo, sicher: Statt wie bisher weitläufig angenommen waren die Attacken nicht der letzte Ausweg aus der Nahrungsmittelknappheit in der Region, sondern die einfachste Lösung für ein Problem, mit dem zumindest einer der Löwen zu kämpfen hatte: Zahnschmerzen.

Menschen sind wehrlos – und leicht zu kauen

Analysen der Gebisse der beiden Tiere, die heute ausgestopft im Field Museum of Natural History in Chicago zu sehen sind, wiesen darauf hin, berichten Larisa DeSantis von der Vanderbilt University in Nashville und Bruce Patterson vom Field Museum in den “Scientific Reports”. Zusätzlich wurde ein dritter Löwe, der 1991 mindestens sechs Menschen in Sambia gefressen haben soll, untersucht. Auch bei ihm wurden Probleme im Gebiss festgestellt, so wie auch bei mehreren ähnlichen Fällen mit getöteten Menschen, die es mit Tigern und Leoparden in Indien gab.

Bei einem der Tsavo-Löwen, der deutlich mehr Angriffe auf Menschen als sein Jagdgefährte verübt haben soll, wurde eine Wurzelentzündung entdeckt, die normales Jagen unmöglich gemacht habe, erklärten die Forscher. Attacken auf weitgehend wehrlose und weich zu beißende Menschen seien für ihn deutlich angenehmer gewesen.

Mit speziellen Methoden fanden die Forscher zudem heraus, wovon sich die Tiere in den Tagen und Wochen vor ihrem Tod noch ernährten. Der zweite Tsavo-Löwe habe gesündere Zähne gehabt und auch Zebras sowie Büffel und dafür weniger Menschen gejagt und gefressen, erklären die Forscher.

Die Experten sind sich sicher, dass auch die Nachfahren der «Menschenfresser von Tsavo» deutlich gefährlicher sind als «normale» Löwen. Auch heute noch attackieren die riesigen, mähnenlosen Löwen des Tsavo-Gebietes immer wieder Menschen. Und das leider mit oft tödlichen Folgen. Wissenschaftler vom Staatsmuseum New York in Albany glauben auch den Grund für die außergewöhnliche Aggressivität der männlichen Tsavo-Löwen zu kennen: Er hängt nach Meinung der Forscher mit der spärlichen Behaarung der Löwenmänner zusammen. Die Kahlköpfigkeit der Löwen ist wohl durch einen erhöhten Testosteronspiegel bedingt. Und dieses Hormons ist auch oft für ein verstärktes Aggressionsverhalten verantwortlich.

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